Leseproben

Mimi und der große Brand

(erzählt im barock angehauchten Kostüm mit antikem Lederlöscheimer
und anderen Requisiten aus der Zeit um 1666.)

"Mimi, steh auf, wir müssen raus hier."
Mimi träumte gerade, dass der Königssohn mit wehendem Mantel
auf seinem weißen Ross über den Hügel genau
auf sie zu galoppierte.
"Kind, steh auf, es brennt."
Mimi schlug die Augen auf, das passte nicht in ihre Geschichte hinein.
Sie drehte sich auf die Seite.
Ihre Mutter stand am anderen Bett und rüttelte ihren großen Bruder wach.
"Ich war es nicht, Mutter, ganz bestimmt nicht, ich habe keine Kerze angelassen."
"Ich weiß Mimi, die Häuser brennen oben die Straße rauf,
aber wir müssen raus, die Flammen kommen näher."
So schnell wie noch nie sprang sie aus dem Bett, zog sich hastig ihr Kleid über,
griff nach ihrer Puppe und lief zum Fenster.
Weit lehnte sie sich hinaus, der dunkle Himmel flackerte orangegelb und rot.
Die Straßenbeleuchtung konnte es nicht sein, bis Allerheiligen war es noch über einen Monat hin.
Es brannte tatsächlich.
Mimi versuchte mehr zu sehen, lehnte sich noch weiter vor.
"Komm Schwester, wir müssen gehen."
Markus zog sie vom Fenster weg, schob sie zur Treppe.
Die Mutter war schon unten, packte hastig noch den Rest in ihr Bündel,
vor allem den wertvollen Stoff und das Garn.
Die Sachen durften nicht Opfer des Feuers werden.
Als die Mutter sah, wie fest Mimi ihre Puppe hielt,
streckte sie die Hand aus:
"Gib sie mir, du verlierst sie sonst."
Schon verschwand die kleine treue Begleiterin in den Sachen der Mutter.
Mimi und Markus nahmen sich jeder ihr Bündel.
  



   Der Friseurbesuch

Das durchdringende Glockenspiel kündete meinen Besuch an, aber außer einer frisch frisierten Kundin, die mir die Tür öffnete, um selbst heraus zu gehen, war auf den ersten Blick niemand im Laden zu entdecken.
"Alle zum Mittag" frohlockte ich in meinem Innern.
Am Gesichtsausdruck der Besen schwingenden Chefin, die auf einmal in meinem Gesichtsfeld auftauchte, konnte ich lesen, dass ich nicht in meinem Innern frohlockt hatte. Ich hatte es laut ausgesprochen. Ein Lehrmädchen erschien eilfertig und fragte nach meinem Wunsch. Als ich ihr sagte, dass ich schön werden wollte, blickte sie irritiert zu der immer noch fegenden Chefin. Diese murmelte kurz ab mit einem Blick auf mich: "Waschen, schneiden."
Voller Freude ließ mich das Lehrmädchen Platz nehmen, holte ein merkwürdig riechendes Handtuch, das sie mir über die Schultern legte. Sie befestigte einen überdimensionalen Plastiküberwurf an diesem Handtuch, an meinem Hals - es würgte nur ein wenig. Dabei schaute sie immer wieder auf meinen Hinterkopf. Sie druckste ein wenig herum bis sie sich endlich traute.
"Haben Sie die Haare so gefönt oder liegen die von alleine so?"
Da ich nicht wusste, wie ich von hinten aussah ...



   Im Garten von Sanssouci

Es war halb drei, Marlene hatte nun bestimmt schon zwanzigmal in den letzten fünf Minuten auf die Uhr gesehen. Er musste doch gleich um diese Ecke kommen. Sie war auf der einen Seite sehr aufgeregt, andererseits aber auch wieder sehr ruhig. In den Wochen vor dem heutigen Treffen hatte sie sich alles in wunderbaren Farben ausgemalt. Ob die Wirklichkeit daran heranreichte? Gleich würde sie es wissen. Zum einundzwanzigsten Male schaute sie auf die Uhr, da hörte sie ein Hüsteln neben sich. Sie schaute auf, ja das musste er sein. So hatte sie ihn sich vorgestellt. Er kochte wohl wirklich gut, zumindest schmeckte ihm sein Essen. Ihm hing der Bauch etwas über die Hose, er war auch nicht so groß, wie sie gedacht hatte, aber sein Gesicht sah richtig nett aus. Schade, dass er verspielt hatte, …



   Das Geschenk einer alten Dame

Zuerst sah Dana die Gummistiefel. Rosa, mit weißen Blümchen und gelben Punkten. In den Gummistiefeln steckten Beine, die von einem weißen, papierähnlichen Material umhüllt waren. Dieser Stoff bedeckte auch den Rest des Körpers und stülpte sich großzügig über den Kopf. Das Gesicht verbarg sich unter einer weißen Atemschutzmaske und die Region um Augen und Nase verschwand unter einer schwarzgeränderten Taucherbrille. Die Hände steckten in silberfarbenen Backofenhandschuhen. Der linke Handschuh umfasste einen Metallstab, der Rechte hielt einen kleinen Hammer.
"Bist du sicher, dass du das tun willst", fragte Dana und presste die Lippen aufeinander, ...
(von Amalia Koslowski)



   Irische Geschichten und Märchen
(erzählt im keltisch angehauchten Kostüm mit Tin whistle, Bodhrán und anderen Requisiten)

Wie Cormac Mac Art in das Land der Feen kam
Cormac, Sohn des Art, Sohn des Conn der hundert Schlachten, war König von Irland und hatte seinen Hof in Tara. Eines Tages sah er einen Jüngling auf dem Grün, der hielt in seiner Hand einen glitzernden Feenzweig mit neun roten Äpfeln. Sobald dieser Zweig geschüttelt wurde,
erklang von den Äpfeln eine wunderbare Feenmusik. Verwundete Männer und Frauen, die durch Krankheit geschwächt waren, wurden von dem Klang der sehr süßen Feenmusik in den Schlaf gewogen. Niemand auf Erden konnte seine Wünsche, Nöte oder Seelenkummer im Geist behalten, sobald dieser Zweig für ihn geschüttelt wurde.
"Gehört dieser Zweig dir?" fragte Cormac.
"Gewiss gehört er mir."
"Würdest du ihn verkaufen? Was würdest du für ihn verlangen?"
"Würdest du mir geben, was ich verlange?" fragte der Jüngling.
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